Zurück zur Übersicht
Harnwegsinfekte: Geht es auch ohne Antibiotika? Expertenwissen von Prof. Dr. Annette Kuhn
Bei unkomplizierten Harnwegsinfekten gibt es heute verschiedene wissenschaftlich untersuchte Alternativen zu Antibiotika.
10.07.2026
10 min
Webinar ansehen
Webinar ansehen
Neue Perspektiven bei Blasenentzündungen
Brennen beim Wasserlassen, häufiger Harndrang und das ständige Gefühl, dringend auf die Toilette zu müssen – Harnwegsinfekte gehören zu den häufigsten bakteriellen Infektionen bei Frauen. Rund jede zweite Frau ist im Laufe ihres Lebens mindestens einmal betroffen. Für viele bleibt es jedoch nicht bei einer einzelnen Episode: Wiederkehrende Blasenentzündungen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Doch muss jede Blasenentzündung sofort mit Antibiotika behandelt werden? Dieser Frage widmete sich Prof. Dr. Annette Kuhn, Urogynäkologin am Inselspital Bern, in einem Webinar der Schweizerischen Gesellschaft für Blasenschwäche. Die Antwort überrascht: Bei unkomplizierten Harnwegsinfekten gibt es heute verschiedene wissenschaftlich untersuchte Alternativen zu Antibiotika.
Warum Frauen häufiger von Harnwegsinfekten betroffen sind
Harnwegsinfekte gehören zu den häufigsten bakteriellen Infektionen bei Frauen. Der Grund dafür liegt vor allem in der Anatomie: Die weibliche Harnröhre ist deutlich kürzer als die männliche. Dadurch können Darmbakterien, insbesondere E.-coli-Bakterien, leichter in die Harnblase aufsteigen und dort eine Entzündung verursachen. Rund 50 Prozent aller Frauen erleiden im Laufe ihres Lebens mindestens einmal einen Harnwegsinfekt. Von wiederkehrenden Harnwegsinfekten sprechen Fachpersonen, wenn innerhalb von sechs Monaten mehr als zwei oder innerhalb eines Jahres mehr als drei Infektionen auftreten.
Warum der Antibiotikaeinsatz zunehmend kritisch betrachtet wird
Antibiotika sind bei bestimmten Infektionen unverzichtbar. Gleichzeitig nehmen weltweit Antibiotikaresistenzen zu. Deshalb plädieren Fachpersonen zunehmend für einen gezielten und verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika – insbesondere bei unkomplizierten Blasenentzündungen, bei denen häufig auch andere Behandlungsoptionen zur Verfügung stehen.
Nicht jede Blasenentzündung ist gleich
Ein wichtiger Punkt des Webinars war die Unterscheidung zwischen einer tatsächlichen Harnwegsinfektion und dem blossen Nachweis von Bakterien im Urin. Entscheidend sind die Symptome: Brennen beim Wasserlassen, häufiger Harndrang, Schmerzen oder Krämpfe in der Blasengegend sowie verstärkte Drangbeschwerden oder Inkontinenz bei älteren Frauen. Bakterien im Urin allein bedeuten dagegen noch nicht automatisch, dass eine Behandlung notwendig ist.
Welche Alternativen zu Antibiotika gibt es?
Besonders bei unkomplizierten Harnwegsinfekten können verschiedene nicht-antibiotische Ansätze sinnvoll sein. Prof. Dr. Annette Kuhn stellte mehrere Möglichkeiten vor, die teilweise durch Studien gestützt werden.
D-Mannose
D-Mannose ist ein natürlicher Einfachzucker, der verhindern kann, dass sich bestimmte Bakterien – insbesondere E. coli – an der Blasenwand festsetzen. Die Bakterien werden stattdessen mit dem Urin ausgeschieden. Studien zeigen, dass D-Mannose sowohl zur Vorbeugung als auch bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten eingesetzt werden kann. Ein weiterer Vorteil: D-Mannose gilt als gut verträglich und ist auch für Menschen mit Diabetes geeignet.
Pflanzliche Behandlungsmöglichkeiten
Auch pflanzliche Präparate spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Im Webinar wurden unter anderem Goldrutenextrakte, Senföle, Meerrettichextrakte, sowie weitere pflanzliche Wirkstoffe vorgestellt, für die wissenschaftliche Daten zur Unterstützung bei unkomplizierten Harnwegsinfekten vorliegen.
Schmerzbehandlung
Bei unkomplizierten Beschwerden kann zudem eine kurzfristige symptomatische Behandlung mit entzündungshemmenden Schmerzmitteln in Betracht gezogen werden. Wichtig ist jedoch, bei anhaltenden Beschwerden, Fieber oder Flankenschmerzen ärztlichen Rat einzuholen.
Harnwegsinfekte in den Wechseljahren
Viele Frauen stellen fest, dass Blasenentzündungen nach den Wechseljahren häufiger auftreten. Verantwortlich ist häufig der sinkende Östrogenspiegel. Dadurch werden Schleimhäute dünner und empfindlicher, was die natürlichen Schutzmechanismen der Harnwege beeinträchtigen kann. Eine lokale Östrogentherapie kann eine wichtige präventive Massnahme darstellen.
Vorbeugung: So lassen sich wiederkehrende Harnwegsinfekte reduzieren
Zu den wichtigen Massnahmen gehören ausreichendes Trinken, Wasserlassen nach dem Geschlechtsverkehr, die Vermeidung individueller Risikofaktoren, die Behandlung von Stuhlinkontinenz, der Erhalt einer gesunden Vaginalflora sowie eine lokale Östrogentherapie bei Frauen nach den Wechseljahren. Diese Massnahmen können helfen, das Risiko für wiederkehrende Harnwegsinfekte zu senken.
Was Betroffene wissen sollten
Die wichtigste Botschaft des Webinars lässt sich einfach zusammenfassen: Nicht jeder Harnwegsinfekt benötigt automatisch ein Antibiotikum. Dank neuer Erkenntnisse und alternativer Behandlungsmöglichkeiten können unkomplizierte Blasenentzündungen heute häufig differenzierter betrachtet werden. Entscheidend bleibt jedoch eine individuelle Beurteilung durch medizinische Fachpersonen.
Webinar ansehen und mehr erfahren
Möchten Sie wissen, welche Rolle D-Mannose, pflanzliche Präparate und Präventionsmassnahmen bei Harnwegsinfekten spielen? Im Webinar von Prof. Dr. Annette Kuhn erhalten Sie fundierte Einblicke in aktuelle Behandlungsmöglichkeiten und erfahren, wann Antibiotika notwendig sind – und wann nicht.
Webinar ansehen